Belletristik

Der Schnee war schmutzig von Georges Simenon *Rezension*

DSC_0565

{Unbezahlte Werbung |alle Rechte beim Kampa Verlag}

Meine zuletzt gelesenen Bücher könnten unterschiedlicher nicht sein. Trotz allem haben sie eines gemeinsam: ihre Protagonisten hatten allesamt eine schwierige Kindheit. Während zwei von ihnen zu Mördern werden, macht der dritte in Versailles  als unglücklich verliebter Kuhhirte auf sich aufmerksam…

Inhalt

Es ist ein kalter Winter in einer von fremden Truppen besetzten, namenlosen Kleinstadt. Hunger und Kälte setzten den Bewohnern zu. Alles ist düster, bedrohlich, kalt, leer und sinnlos. Bereits auf den ersten Seiten beschwört Simenon diese eindringliche Düsterheit herauf, die das ganze Buch bestimmt. Frank Friedmaier ist achtzehn, abgestumpft und ohne jede Perspektive im Leben. Er lebt bei seiner Mutter Lotte, die ein Bordell mit jungen Mädchen betreibt. Eines Nachts ermordet Frank einen Offizier der Besatzungsmacht. Auf den ersten Blick einfach so, weil eben jeder im Timo’s, seiner Lieblingsbar, schon jemanden umgebracht hat. Sein Nachbar Holst läuft ihm kurz zuvor über den Weg und Frank weiss, dass er ihn somit zum Mitwisser macht. Das verleiht seiner Tat eine gewisse Bedeutung.

Natürlich wird er den Eunuchen nicht wegen Holst töten, er war ja schon vorher dazu entschlossen. Nur hatte diese Handlung da noch keinerlei Sinn. Es war eher ein Scherz, ein Bubenstreich. Wie hatte er es noch genannt? Eine Entjungferung. Jetzt aber wünscht er sich etwas anderes, lässt sich darauf ein, in voller Kenntnis der Lage. Da sind Holst, Sissy und er; der Unteroffizier tritt in den Hintergrund, Kromer und sein Kumpel Berg haben keinen Stellenwert mehr. Da sind Holst und er.

Franks Gedanken kreisen fortan immer wieder und mit einer zunehmenden Obsession um Holst. Er macht sich an dessen Tochter Sissy heran, die – man kann es kaum glauben – aufrichtig in Frank verliebt ist. Er aber weiss nichts Besseres, als Sissy an seinen widerlichen Freund Kromer weiterzureichen. Nach weiteren Schandtaten wird Frank schliesslich von den Besatzern verhaftet und gefoltert. Der zweite Teil des Buches spielt sich im Gefängnis ab und gewährt ausführlichst Einblick in Franks Gedanken.

Zum Schluss geschieht dann etwas, über das ich lange nachgegrübelt habe. Ich will aber hier nicht spoilern. Nur so viel: Ja klar, Simenon wollte mit diesem Buch darstellen, was eine Besatzung aus dem Menschen macht. Nicht umsonst sagte der Autor in einem Interview:

„Eine Besatzung ist schlimmer als der Krieg selbst, weil sie viel mehr Schmutz aufwirbelt, weil sie Misstrauen und Hass erzeugt, deren Stempel dem Volk für lange Zeit aufgedrückt ist“

Aber da ist auch diese Sache mit Holst und mit Sissy. Vor allem mit Holst. Die beiden verkörpern das Gute in einer durch und durch schlechten Welt ohne jede Moral, voll von Korruption, Verrat und Misstrauen. Und hier, in Franks Obsession für seinen Nachbarn Holst und dem Ereignis am Ende des Buchs kommt Franks Kindheit ins Spiel, die er bei einer Pflegefamilie verbracht hat, die gelegentlichen Besuche seiner Mutter, die sich aber nicht wirklich für ihn interessiert hat. Und die Abwesenheit einer Vaterfigur. Während ich Frank fast durch das ganze Buch verabscheut habe wie kaum je eine Romanfigur, sehe ich ihn auf den allerletzten Seiten auf einmal in einem anderen Licht. Beginne zu verstehen, wie er zu dem wurde, was er zu Beginn des Buches ist. Und beginne die Motive zu diesem zuerst völlig sinnlos erscheinenden Mord zu „verstehen“.

Fazit

Ein eindringlicher Roman, der mir einiges abverlangt hat. Die düstere Stimmung und dieser abgestumpfte junge Schnösel ohne jede Moral haben mich derart abgestossen, dass ich das Buch nach einigen Seiten weglegen wollte. Auch hat mich die für Simenonsche Verhältnisse geradezu geschwätzige, ausufernde Erzählweise erstaunt. Hier ist einiges an Durchhaltevermögen gefragt. Zum Glück habe ich weiter gelesen. Es hat sich gelohnt. Ich bin immer noch voll Bewunderung, wie man eine derartige Düsterheit heraufbeschwören kann wie Simenon dies in „Der Schnee war schmutzig“ geschafft hat, wie er in Kopf und Seele dieses Frank eintaucht. Es bliebt vieles, über das man sich Gedanken machen kann. Was für ein Buch!

Bibliografische Informationen:

  • Georges Simenon: Der Schnee war schmutzig
  • Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
  • Verlag: Kampa Verlag; Auflage: 1 (4. Oktober 2018)

Gelesen im Februar 2019

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s