Belletristik, Highlight, Historischer Roman, Schweizer Literatur

Ibicaba. Das Paradies in den Köpfen. von Eveline Hasler *Rezension*

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Ibicaba ist eine ganz alte Liebe von mir. Gelesen vor mehr als zwanzig Jahren, und noch immer zieht mich das Buch sofort in seinen Bann, sobald ich es aufschalge! Der wunderbaren Eveline Hasler ist hier ein meisterhaftes und aufrüttelndes kleines Kunstwerk gelungen. Was für eine Geschichte. Was für Sätze.

Inhalt

Im Hungerjahr 1855 wandern der Bündner Lehrer Thomas Davatz und die seiner Familie angeschlossenen Barbara Simmer mit ihrem unehelichen Sohn Jakob in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Südamerika aus. Die Zeitungen haben euphorische Berichte über Kaffeeplantagen in Brasilien veröffentlicht und damit zahlreiche Schweizer aus armen Bergdörfern nach Südamerika gelockt. Das vermeintliche Paradies entpuppt sich aber schnell als Hölle, die Ausgewanderten werden ausgebeutet und in Abhängigkeit gehalten wie Sklaven. Da die Plantagenbesitzer den Auswanderern die Überfahrt vorgestreckt haben, beginnt deren Leben in der Neuen Welt mit Schulden. Schulden, die sie über viele Jahre nicht abzubauen vermögen. Denn alles, was sie zum Leben benötigen, müssen sie auf der Plantage zu überteuerten Preisen dort kaufen, so dass sie aus der Verschuldung fast nicht mehr herausfinden. Berichte und Briefe in die Heimat, die die schlimmen Verhältnisse schildern, werden unterschlagen. Davatz aber kämpft weiter und schreibt und schmuggelt heimlich Berichte über das Elend auf Ibicaba, um den Kleinen Rat im Bündnerland auf die wahren  Zustände im vermeintlichen Paradies aufmerksam zu machen, bis die Schweiz schliesslich einen Beobachter nach Brasilien schickt…

Schweizer statt Sklaven

In ihrem zweiten historischen Roman (Erstveröffentlichung 1985) verwebt Eveline Hasler Barbara Simmens Vergangenheit in der Schweiz, ihre Liebesbeziehung mit Peter, und die Demütigungen, die sie als ledige Mutter erdulden musste, mit der Überfahrt in die Neue Welt und dem Sklavenleben auf der Plantage Ibicaba. So blicken wir immer wieder auch zurück auf die Lebensbedingungen in der Schweiz, als die Dörfer durch Kinderreichtum übervölkert waren, das Brot rar geworden und die Fabriken durch die Konkurrenz aus England in Bedrängnis geraten.

Der Roman beginnt mit der Seereise der Auswanderer im Frühjahr 1855 auf einem Schiff mit fast dreihundert Menschen ohne Arzt. Schon alleine die Schilderungen dieser beschwerlichen Überfahrt sind es wert, das Buch zu lesen!

Kaum auf der Plantage angekommen, müssen die Auswanderer ernüchtert feststellen, dass sie ausgebeutet und wie Sklaven gehalten werden. Thomas Davatz notiert in einem Wachstuchheft alles Wichtige über die Reise und Ankunft in Brasilien und die Missstände auf der Plantage. Barbara wartet auf ihren Peter, ihre grosse Liebe, den Vater ihres Sohnes, der ihr in die Neue Welt folgen wollte. Und träumt von einem eigenständigen Leben… Obwohl sich die Einwanderer auf der Kaffeplantage abrackern, wachsen ihre Schulden anstatt zu sinken.

Ibicaba ist ein äusserst eindringlicher Roman über die Ausbeutung von Auswanderern in Südamerika, bildgewaltig und detailliert, spannend und schockierend. Er beruht auf den Aufzeichnung des Thomas Davatz, die nach dessen Rückkehr in Chur gedruckt wurden, und auf der Dissertation von Beatrice Ziegler (Schweizer statt Sklaven, 1985). Eveline Hallers Stil ist eigenwillig. Die Gedanken ihrer Protagonisten, Rückblicke, Dialoge verweben sich mit dem Geschehen in der Gegenwart. Man muss sich vielleicht zuerst etwas an diese Art des Erzählers gewöhnen, mir jedoch gefällt ihre Schreibe sehr.

Schweizer Grande Dame des Historischen Romans

Eveline Hasler wurde 1933 in Glarus geboren. Sie studierte Geschichte und Psychologie, arbeitet lange als Lehrerin und verfasste zahlreiche Kinderbücher. Ab den 1980er Jahren schrieb sie zahlreiche historische Romane, die meist Stoffe der Schweizer Geschichte behandeln und in denen sie Fiktion und sorgfältige Recherche geschickt verwebt. Ihr wohl bekannteste Werk ist Anna Göldin, die letzte Hexe. (mehr dazu später)

Unbedingte Leseempfehlung! Ein grossartiges Buch.

Bibliografische Information:

  • Eveline Hasler: Ibicaba. Das Paradies in den Köpfen.
  • Taschenbuch: 288 Seiten
  • Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (1. Mai 1988)

 

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